Verkehrte Rollen

Wenn Mutter und Tochter gemeinsam auf Tour gehen

  10 Minuten

Wann?1.5. und 2.5.2019
Wo?Linz – St. Gotthard – Gramastetten – Eidenberger Alm – GIS – Linz
Wie lange?93 km, Rundtour Granitland Süd (A) mit Abwandlung
Wie hoch?2300 Höhenmeter

“Langsam treten!” “Jetzt greifen wir noch einmal an.” “Vorsicht, da wird’s rutschig!”

Ich lotse meine Mutter die letzten Meter in Richtung Giselawarte über Linz hoch, bevor wir endlich die kilometerlangen Trails bergab bis zur Stadtgrenze der Oberösterreichischen Landeshauptstadt genießen.
“Woooohooooo”, schallt es hinter mir. Als ich ein paar Kurven später frage, was los war, antwortet meine Mutter nur “Das musste einfach raus! Es war, als wär ich 150 Prozent aufgeladen!” 

Dabei muss man wissen, dass meine Mutter, 60, ganz old-school mit ihrem nicht-elektrifizierten Mountainbike unterwegs ist. Zum ersten Mal in ihrem Leben unternimmt sie eine 2-Tages-MTB-Tour mit Übernachtung und eigenem Gepäck am Rücken. Ich durfte ihr das zum 60. Geburtstag schenken, und sie und ich wissen, dass ich mir damit auch irgendwie selbst etwas schenkte. 

Seit gestern, 7 Uhr sind wir unterwegs. Zuerst per Zug nach Linz, dann quer durch den Ersten-Mai-Aufmarsch entlang der Landstraße und schnurstracks rauf auf den Pöstlingberg. Wie steil sich der Kreuzweg aufbäumt, habe ich eindeutig unterschätzt ...

Ich fahre voraus und helfe abschnittsweise meiner Mutter das Bike am groben Schotter hoch zu schieben. Meiner Meinung nach ist ja Fahren einfacher als Schieben, aber mit dieser Bike-Weisheit stoße ich auf taube Ohren und unverständliches Gemurre. Oben angekommen offenbart sich uns der erste unserer Wegweiser. Granitland Süd (A). Diesen Schildern werden wir für die nächsten beiden Tage folgen.

Der steile Anstieg kostet meiner Mutter Kraft und ich frage mich, ob sie der Tour wirklich gewachsen ist. Was tun, wenn ihr Kreislauf schlapp macht oder sie einfach die Kräfte verlassen? Der krasse Toureinstieg war wohl nicht optimal, um als Team zusammen zu wachsen. 

Zum Glück wird die Route flacher und ich schalte bewusst einen Gang zurück. Immer wieder such ich das Gespräch während der Fahrt, stelle Fragen, die meine Mutter brav beantwortet. Meine Überlegung: Solange sie genügend Luft für Gespräche hat, kann ich davon ausgehen, dass das Tempo angemessen und noch lange fahrbar ist. Die wurzeligen Stellen und matschigen Lacken absolvieren wir beide ganz graziös. “Ich fahr dir einfach nach”, lautet der schlüssige Plan meiner Mutter. Ich hätte es ja nicht vorzuschlagen gewagt … 

Nach einem kleinen Orientierungsstop belohnt uns schon bald der “Donaublick”. Erst jetzt fällt auf, wie rasch wir uns so hoch über den sanften Flussverlauf geschraubt haben.  

Der dunkle Trail durch den Wald ist vom Regen der letzten Tage noch nass und voller Rinnen. Diesmal schiebt meine Mutter bergab und ich hoffe, dass ihre Freude nun nicht mitsamt dem Erdreich hinuntergespült ist. Aber von wegen! Am Ende des Trails erwartet uns eine Schafherde samt Lämmchen und erhellt sofort unsere Stimmung – welch passenden Gesellen beim Mutter-Tochter-Ausflug!

Gemütlich rollen wir die Granitlandhügel dahin und halten langsam Ausschau nach einer Einkehrmöglichkeit. In den Gassen von Ottensheim füllen wir unsere Kraftspeicher und machen uns dann auf in Richtung Nordwesten. Asphalt- und Forstwegabschnitte wechseln einander gleichmäßig ab und auch wir haben unseren Rhythmus gefunden. 

Vorbei an Höfen und Gestüten nehmen wir den Anstieg nach Sankt Gotthard in Angriff. Regenwolken ziehen auf, der Wind wird stärker. “Der vertreibt den Regen”, prophezeit meine Mutter. Ich hoffe, sie behält recht und krame zur Sicherheit mal die Regenjacke aus den Tiefen meines Rucksacks hervor.

Wir kurbeln und den gefühlt hundertsten Hügel des Tages hoch und mir scheint, das Lob eines alten Mannes zur stromfreien Fahrt versorgt meine Mutter mit einer Portion extra Energie. 

Unser Tagesziel Gramastetten rückt schon in greifbare Nähe, doch der davor liegende Graben mit anschließendem Aufstieg war so nicht ganz auf der Karte erkennbar. Nun macht sich doch kurzfristig Gemaule breit, dann ist die Luft zum Jammern zu knapp. Tapfer kurbelt meine Mutter auch die letzten 200 Höhenmeter “extra” bergauf, die unsere Übernachtungsvariante mit sich bringt. Viele Reserven sind jetzt nicht mehr vorhanden. 

Um 16:30 Uhr hüpfe ich in die Dusche in unserem kleinen Zimmer in Gramastetten. Als ich 5 Minuten später aus dem Badezimmer komme, liegt meine Mutter eingewickelt im Bett. Ein bisschen rot ist sie im Gesicht, aber definitiv glücklich. Für sie ist es das erste Mal, so eine Strecke samt Übernachtungspaket absolviert zu haben und ich freu mich mit ihr über ihr Durchhaltevermögen.

Darauf stoßen wir auch an, nachdem ich sie überreden konnte, das Bett nochmal zu verlassen und Abendessen zu gehen. Und wie das so ist beim Biken, bleibt man dann irgendwie doch immer wieder im Gasthaus hängen. Ist ja auch der 1. Mai und das Maifest ist noch lange nicht vorbei …

Am nächsten Morgen gilt es, die Einmündung in unsere Strecke wieder zu finden und die Giselawarte zu erobern. Die Hausherren warnen uns vor steilen Anstiegen, aber meine Mutter nimmt’s an Tag zwei schon relativ gelassen …

Von Gramastetten aus kurbeln wir über Hals, einen Anstieg mit fünf Häusern, in Richtung Norden und erspähen schon bald wieder unseren knallroten Wegweiser. 

Heute kenne ich die Reserven und Fahrweise meiner Mutter schon besser und steige bei jedem Anstieg auf die Bremse. Langsam, aber konstant erklimmen wir so jeden Berg, sind die namensgebenden Granitbrocken auch noch so ungastlich. Auch beim Essen achte ich heute bewusst auf den regelmäßigen Energieschub: “Iss ein kleines Stückerl vom Powerriegel, du musst Energie zuführen, auch wenn du keinen Hunger hast”, rede ich auf meine Mutter ein und sie würgt ihn brav hinunter. Die Szene erinnert mich an eine Vogelmama die ihre Küken füttert, als hinter unserer Rastbank ein Rehpärchen die Liebeshöhle verlässt. Noch lange schaut uns der Rehbock an und ist wohl sicher, dass von uns beiden keine Gefahr ausgeht. 

Apropos Gefahr: In Untergeng findet sich unter unserem Wegweiser ein handgeschriebenes Schild mit dem Hinweis auf Wegsperren. Ich biege ins nächste Gasthaus ein (ein Ort, an dem man jegliche Information erwarten kann) und erkundige mich nach Details.
Die Wirtin meint, das hänge schon mehrere Wochen dort und wir schlagen den Weg ein.
Wenige Meter später verwirrt uns allerdings der nächste Wegweiser und ich suche Auskunft bei offensichtlich Einheimischen, die gerade ihr Feld umzäunen.
Da staune ich nicht schlecht, als mir der sportliche Bauer auf den Meter genau die Wegsperren und Alternativen anhand meiner Karte erklärt. Ich versuch mir alles zu merken, auch als das Gespräch längst auf “unsere” Gegend und den Ybbstalradweg kommt. Als Fan des Ybbstals und begeisterter Biker outet er sich und ich drücke ihm aus lauter Freude über die nette Begegnung meinen Bike-Babsi-Button vom Rucksack in die Hand: "Klickt mal rein und meldet's euch, wenn's in unserer Gegend seids!"

Die Wegbeschreibung stimmt tatsächlich auf den Meter genau und wir arbeiten uns immer weiter vor. Am “Sportlerkreuz” angekommen erspähen wir am gegenüberliegenden Hang die Giselawarte, die schon fast auf gleicher Höhe erscheint. Nun stehen holprige Meter durch den noch nicht ganz aufgeräumten Wald bevor, doch zu meiner Überraschung macht der wackelige Untergrund meiner Mutter richtig Spaß!
Die Sonne kommt raus, trocknet auf und lässt uns am Trail munter spritzig dahinkurven.

Recht entspannt kommen wir an der Eidenberger Alm vorbei und entscheiden uns für eine kleine Einkehr samt Stärkung. Auf das köstlich duftende Mittagsmenü verzichten wir, liegt ja schließlich noch der Anstieg zur GIS vor uns.

Wenn auch nur halb so dramatisch wie angekündigt, sind wir beim nächsten Anstieg trotzdem froh, bei Fritattensuppe (ich) und Topfennockerl (Mama) verblieben zu sein. Die Kalbsbrust läge jetzt nur allzu schwer im Magen. Ich geb die üblichen Tipps zur Geschwindigkeit und wir legen sicherheitshalber eine kleine Verschnaufpause ein. Es soll ja schließlich auch Spaß machen …

Es ist geschafft! Schneller als erwartet rollen wir aus dem Waldweg raus und vor uns liegt das Gasthaus zur GIS. Der Weg zur Warte führt über ein steiles Wiesenstück und einige Meter steinernen Weg. Meine Mutter entscheidet sich, lieber bei den Ziegen und Ponies zu warten, während ich unbedingt bis zur Warte muss.
Schnell rauf, durchatmen, Foto machen, wieder runter zur Mama! 

Als ich mich übers Bike schwinge, bemerke ich, dass mein Hinterrad klappert und nicht fest sitzt. Zum Glück ist meiner Mutter in dem Moment nicht ganz bewusst, wie gefährlich ein loses Rad ist und schon ist es mit wenigen Handgriffen wieder festgezogen.
Los gehts – runter auf Linz ohne weitere Anstiege mehr …
Wir lassen es jetzt beide runter donnern und hinter mir höre ich nur noch das “Whoooohoooo” …

Eine Stunde später sitzen wir salzig und mit müden Beinen im Zug. "Eigentlich blöd, dass ich mich bisher sowas nicht fahren getraut hab", meint meine Mutter. Im nächsten Moment trifft sie eine frühere Bekannte und plappert drauf los – erzählt von unserer Reise, ihren Abfahrten, den Höhenmetern und Erlebnissen. Mit jedem Wort strahlt sie noch etwas mehr über’s ganze Gesicht und ich bin sicher: Heute Nacht wird sie gut schlafen!


Infos zur Tour

Link-TippInfowebsite zur Granitland-Süd-Runde

Dort gibt es auch Infomaterial und Karten zu bestellen. Die Granitland-Süd-Runde (A) ist ausgezeichnet beschildert – Gratulation an die Betreiber!

Übernachtungs-Tipp: Pension Baumgartner in Gramastetten

Gramastetten liegt zwar etwas abseits der Tourenführung, bietet aber eine gute Übernachtungsmöglichkeit bei einer Aufteilung auf 2 Tage. Die familiäre Pension der Familie Baumgartner ist zentral gelegen. Sie besticht mit viel Liebe zum Detail und besonders freundlichen Gastleuten.

Einkehrtipp: Die Eidenberger Alm unterhalb der GIS überzeugt mit Schick, Charme und ausgezeichnetem Essen für alle Dimensionen des Hungers.

Hast du Fragen zur Tour, zu den Unterkünften auf der Strecke oder sonstiges Feedback, dann schreib mir doch an bikebabsi@gmail.com


Fast live dabei bei meinen MTB-Abenteuern bist du mit der Bike-Post!